Ein Spaziergang durch die Ackerstraße

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Ein Spaziergang durch die Ackerstraße 

Rund 1,3 Kilometer lang, begeistert das Zentrum Flingerns mit ganz eigenem, wenig angepasstem Charme und einer Vielzahl außergewöhnlicher Anlaufpunkte 

Graffiti, Vorgärten, in denen Palmen wachsen, Geschäfte, die in ihrer Größe mit jedem Gartenhäuschen konkurrieren: Die Ackerstraße in Flingern behauptet sich als eine der seltenen Ecken nicht nur Düsseldorfs, sondern jeder Großstadt, in der tatsächlich noch Individualität herrscht. In der keine großen Ketten dominieren, in der sich Cafébesitzer und Gäste mit Namen begrüßen und in der Galerien von Weltruf genauso wie Kunsträume mit lokalen Künstlern ausstellen.

Die von uns vorgeschlagene Tour startet am „Café Hüftgold“ und führt in Richtung Norden bis zum Restaurant „Cucina Vitale“; auf eben dieser Straßenseite führt sie dann in entgegengesetzte Richtung zurück bis zum „Studio for Artistic Research“ im Süden der Ackerstraße. Für die gesamte Strecke braucht ihr mit viel Zeit fürs Stöbern und Schauen rund 75 bis 90 Minuten. 

Café Hüftgold, Ackerstraße 113 

Eines der sichersten Zeichen, dass es sich um ein gutes Lokal – beziehungsweise in diesem Fall: Café – handelt? Wenn ihr nicht reservieren könnt! Genauso handhabt es das „Hüftgold“, das sich trotzdem – oder gerade deswegen – vor Gästen kaum zu retten weiß. Aber wenn einem der Duft von selbst gebackenem Kuchen, Bagels und Flammkuchen schon von Weitem entgegenströmt, wie um Himmels Willen sollte Widerstand gelingen? Also gebt euch lieber dem Motto des Cafés hin, nämlich „Genuss ohne Reue“, und lasst euch den weit über die Nachbarschaft hinaus gefeierten Kaffee, einen von zahlreichen Teesorten und besagtes (auch to go erhältliches) Gebäck schmecken. Im Sommer lässt sich das vorbeilaufende Publikum bestens von der Terrasse aus beobachten. Win-Win, behaupten wir: Ihr entdeckt neueste Trends und greift interessante Gesprächsfetzen auf, während Frauen, Männern und Kindern beim Anblick der Süßspeisen das Wasser im Mund zusammenläuft – und sich so gleich die nächsten Gäste in die Schlange einreihen. Übrigens, tolle Idee: Das Café bietet einen „Suspended Coffee“ an, den ihr bezahlt, aber eine Person trinkt, die ihn sich nicht selbst leisten kann. 

Nachdem ihr anschließend an mit Werbeplakaten tapezierten Stromkästen, vor Lichtjahren geparkten Fahrrädern und ausrangiertem Hausrat in Pappkartons vorbeilauft – und das ist keineswegs negativ gemeint, vielmehr macht dieses wenig Polierte den Reiz des Viertels aus – startet das Shopping-Vergnügen, und zwar bei …  

aest, Ackerstraße 127 

Kennt ihr den Werbespruch „Before it’s in fashion, it’s in Vogue“? Der Slogan des berühmten Modemagazins, der auf das Trendgespür der Redakteur*innen abzielt, gilt auch für diesen Store. Bei aest findet ihr vor allem unifarbene Mode aus Skandinavien von Marken wie H20Fagerholt und Samsoe & Samsoe, aber beispielsweise auch Jeans der US-Marke Agolde. Auch eine Auswahl an den derzeit besonders gefragten Autry-Sneakern bereichert im Zweifel euren Kleider- beziehungsweise Schuhschrank. Gedrehte Kerzen mit Farbverlauf, Nagellack, Hochprozentiges, Haarklammern und Grußkarten landen gern in den Tüten der Kundschaft. In dem minimalistisch gestalteten Geschäft findet ihr entsprechend, was ihr nicht in jedem zweiten Laden bekommt. Und nicht an jeder zweiten Person seht. Und das kann in einer Modestadt wie Düsseldorf doch nur gefallen. 

Kiddies – Personalisierte Geschenke, Ackerstraße 145 

Wiege, Wagen, Windelpaket? Die Liste potenzieller Baby-Geschenke zieht sich endlos, was die Suche nach dem perfekten Präsent nicht einfacher gestaltet – zumal viele Eltern oft schon vor der Geburt über so ziemlich alles verfügen, was sie nur ansatzweise brauchen. Die Rettung: Personalisiertes! Dea Spellbrink fertigt in ihrem Laden „Stoffwerke/Grottypetz“ in der Ackerstraße 145 besonders niedliche Decken, Kissen und Kleidung mit Anfangsbuchstaben oder aber ganzem Namen eines Kindes an (ab rund 45 Euro). Unser Highlight: die Wimpelkette (rund 34,90 Euro), die viele Jahre lang anzeigt, wer Kinderzimmer (und Haushalt) regiert. Nur wenige Häuser weiter findet ihr übrigens das Spielzeuggeschäft „Klein aber fein“ (Ackerstraße 137), in dem ihr eine riesige Menge an günstigen und höherpreisigen Mitbringseln für die großen Geschwister findet. 

Seid ihr auf der Suche nach einem Geschenk für Mutter, Vater oder, Freund*innen, dann schaut unbedingt im folgenden Laden vorbei. Er liegt zwischen einem urig wirkenden Weinladen, einer Boutique für finnische Mode und in der Nähe eines Stores für exklusive Gartenprodukte. 

Moritz Wenz Store & Studio, Ackerstraße 155 

Gegenstände, Werkzeuge, Produkte gleich welcher Art, die Generationen überdauern werden? Finden sich in so manchem Haushalt noch, das schon. Doch die Wegwerfgesellschaft hat längst überhand genommen. Dem entgegenwirken möchte Moritz Wenz mit seinem gleichnamigen „Store & Studio“. Er verkauft beispielsweise Messer, Atlanten und Schreibutensilien, die an „die gute alte Zeit“ erinnern, ohne optisch aus dieser gefallen zu sein. Außerdem offeriert der Ladeninhaber etwa hochwertige Lebensmittel wie Schokolade, die Kooperativen und soziale Unternehmen in der ganzen Welt unterstützen.  

Bei „Out of Alltag“ gleich gegenüber (Ackerstraße 150) bekommt ihr das passende Mobiliar, um eure nach Ästhetik und Qualität eifernden Wohnwünsche zu vervollständigen.  

Awsum Store, Hermannstraße 24 (an Ackerstraße) 

Ihr schleppt euren Schatz fünf Stockwerke hinauf. Ihr kauft drei Schlösser, vielleicht sogar ein viertes, zur Sicherheit. Und so manchen Sonntagabend verbirgt ihr damit, sie oder ihn auf Hochglanz zu polieren. Glaubt uns, wenn ihr ein Fahrrad bei Awsum kauft, findet ihr euch in den vorangegangenen Zeilen wieder. Bei den Bikes handelt es sich um Objekte, die schon von der Ferne aus durch die Schaufenster blinken oder, um es auf die Spitze zu treiben: beinahe mit ihrer Schönheit blenden. In Olivgrün, mattem Schwarz oder elegantem Seemannsblau, abgesetzt mit Chrom, radelt ihr fortan auf „Ludwig“, „Frieda“ oder „Friedrich“ durch Düsseldorf, wobei bewundernde Blicke euren Weg begleiten. Nur die Geldkassette, die solltet ihr beim Besuch besser nicht zu Hause vergessen. Dafür stammen die Räder unter anderem aus einer italienischen Familienmanufaktur, und Handarbeit von Qualität kostet bekanntlich.  

Drei Tritte auf die Pedale, schon parkt ihr euer neues Rad vor der… 

Cucina Vitale, Ackerstraße 168b 

Falls euch ein kleiner oder großer Hunger plagt, überspringt die nächsten Zeilen lieber – oder reserviert noch in der nächsten Minute einen Tisch in der „Cucina Vitale“. Denn wie köstlich klingen gebratener Oktopus auf Beluga-Linsen-Salat oder Pasta mit Spitzkohl, Ingwer und Parmesan? Knoblauchhuhn an Orangen-Kartoffeln wäre allerdings auch nicht zu verachten … Für was auch immer ihr euch entscheidet: Seit zwei Jahrzehnten verwöhnen Birgit und Gianni Vitale ihre Gäste mit Gerichten, die noch lange für Heißhunger-Attacken sorgen. Macht es euch gemütlich in dem mit wenigen Tischen eingerichteten Restaurant und lasst ganze Abende bei ebenso intensiven Aromen wie Gesprächen verstreichen. Die Karte wechselt wöchentlich, insofern bleibt euch gar nichts anderes übrig, als schon bald zu den Stammgästen zu zählen. Kein Wunder, dass so viele „Top Location“, „Top Restaurant“ oder „Empfohlen von …“-Aufkleber an der Scheibe des Lokals auf dessen Besonderheit hinweisen.  

Den Nachtisch gibt’s entweder vor Ort oder ihr lauft ein paar Häuser weiter, zu „Nordmanns Eisfabrik“ (Hermannstraße 22a, an Ackerstraße, ab den Sommermonaten geöffnet). Deren Eissorten krönte ein Fachmagazin zu den besten des Landes. Oder aber ihr deckt euch gleich fürs Frühstück ein, und zwar im … 

Chicken Crime Department Store, Ackerstraße 142 

Zwischen Butter, Brot, Wurst und Schokoladencreme fühlt sich so manche Marmelade mitunter unbeachtet. Es sei denn, es handelt es sich um einen Aufschnitt des Chicken Crime Department Stores! Der Laden mit dem originellen Namen hat sich längst als Oase für außergewöhnliche Lebensmittel etabliert. Probiert von der Himbeer-Lavendel-Konfitüre, die auf der Zunge zergeht, oder dem Flingern-Kräuterlikör, der angenehm im Rachen brennt. Auch sehr zu empfehlen: die „Ginsation“, eine Marmelade, komponiert mit Gin und Blutorange. Stöbert in den Regalen des an einen modernen Tante-Emma-Laden erinnernden Geschäfts, um morgens nie wieder fragend vor dem Kühlschrank zu stehen. 

Plattenladen „Beat Retreat“, Ackerstraße  

Vinyl-Platten feiern bereits seit Jahren ein Comeback, von dem viele auf ihnen zu hörende Bands nur zu träumen wagen. Im kleinen, aber großartigen Geschäft „Beat Retreat Record Store“ kommt ihr seit 2018 auf eure Kosten: An den zur Ackerstraße ausgerichteten Turntables hört ihr in die von Inhaber Marc Taake zusammengesammelten Highlights aus – Achtung – nicht weniger als Hip-Hop, Soul, Funk, Jazz, Electronic, Afro, Latin und Brazil hinein. Auf dem gleichnamigen Instagram-Kanal beatretreat stellt Taake außerdem regelmäßig Neuerscheinungen vor bei denen es sich übrigens, wie bei allen Platten, stets um neue Ware handelt. Lasst euch inspirieren vom „Pick of the Day“, der nicht nur euch, sondern vielleicht bald auch eure Nachbarn aus den Sesseln holt.  

Mit zum Takt des noch vor wenigen Minuten gespielten Songs geht’s weiter, und zwar einmal über die Kreuzung Acker-/Gerresheimer Straße hinüber in Richtung … 

Transfood, Ackerstraße 30 

Wundert euch nicht, falls euch der Geruch dieses Supermarkts noch eine Weile begleitet. Zu intensiv duftet es in dem auf Spezialitäten aus Asien, Afrika und Indien konzentrierten Lebensmittelshop, der als wahrer Meltin’ Pot der Ackerstraße gilt. Alteingesessene sowie zugezogene Düsseldorfer*innen decken sich im hier mit Königskümmel, Kugel-Thunfisch und Chikwangue, also Maniokbrot, ein. Allein das Angebot an Reis sprengt jede Vorstellungskraft! Kleine, weiße Körner, grobe in einem leichten Rosa-Ton, gelber Reis, und das alles in Kilosäcken, um gleich mehrere Großfamilien zu versorgen. Lasst euch ein auf eine Geschmacksweltreise und greift beherzt in bis unter die Decke gefüllte Regale sowie in eine der Tiefkühlboxen. Gut möglich, dass ihr „nur“ Thunfischsteaks erwischt – oder aber Rochen. Vielleicht wird’s auch Fumbua, das auch als wilder Spinat bekannte Gemüse aus dem Kongo. Ihr merkt schon: Langweilig geht’s nach einem Besuch bei „Transfood“ in der Küche ganz sicher nicht zu. 

Das Gleiche gilt übrigens für die von Stephan Machac gezeigte Kunst. Um diese kennenzulernen, reichen vier große Schritte einmal quer über die Straße hinweg, und schon steht ihr vor dem Eingang zu seinem Hinterhof und dem …  

Studio for Artistic Research, Ackterstraße 33 

Hier stellt Machac Gemälde, Objekte und Bildhauerei auf eine neue Ebene, indem er Kolleg*innen der Branche dazu einlädt, einen möglichen forschenden Blick auf ihre Werke zu werfen. Er regt zu Diskussionen um Fragen wie „Kann die künstlerische Forschung als wissenschaftliche Disziplin angesehen werden?“ oder auch „Welchen Effekt hat die künstlerische Forschung außerhalb des kunstinternen Diskurses?“ an, und das bereits seit Mai 2016. Im Eingangstor findet ihr einen QR-Code, der euch die aktuellste Ausstellung virtuell erfahren lässt. 

Titelbild & Galerien: Düsseldorf Tourismus

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