Wer streitet da mitten in der Altstadt?

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Wer streitet da mitten in der Altstadt?

Über die meistfotografierte Statue Düsseldorfs

Wenn man Karl-Henning Seemann googelt, erscheinen sie immer als Erste: der Dicke und der Dünne. Der Bildhauer und Zeichner hat Ende der 1970er-Jahre die meistfotografierte Statue Düsseldorfs geschaffen. Was er damals installierte, ist bis heute auf vielen Social-Media-Kanälen zu sehen. Wer bei Instagram schaut, bekommt den Eindruck, als würde in Düsseldorf nichts häufiger fotografiert.

Die „Auseinandersetzung“ steht ebenerdig mitten in der Altstadt, zwischen dem berühmten Wochenmarkt und den Hausbrauereien. Hier laufen Gäste und Düsseldorfer*innen automatisch entlang. Wer freitags mal wieder vor der beliebten Bäckerei Hinkel wartet, schaut unwillkürlich auf die beiden Wegelagerer. Häufig posieren Teenager, Tourist*innen oder Liebespaare zwischen „Schwiegervater“ und „Schwiegersohn“.

Karl-Henning Seemann ist inzwischen 87 Jahre alt und lebt in Löchgau im Landkreis Ludwigsburg. Für uns hat er sich an die Entstehungsgeschichte seines großen Werks erinnert. Überraschend: Düsseldorf verdankt die Statue nicht zuletzt auch der Frankfurter Hausbesetzerszene. Und „der Dünne“ könnte Joschka Fischer sein, der dort damals eine zentrale Rolle spielte. Wie haben Sie das gemacht, Herr Seemann?

„Bullen“ gegen Langhaarige

1977/78 konnte mir natürlich nicht bewusst sein, dass ich die meistfotografierte Statue Düsseldorfs schaffe! Es handelte sich um einen Zweitguss von zwei Figuren aus einer Dreifigurengruppe, die ich 1974 für die Unterkunft der Bereitschaftspolizei Braunschweig entworfen hatte. Die Debatte um diesen Auftrag fiel in eine besonders für die Polizei schwierige Zeit. Nach den Studentenunruhen war es auch die Zeit der Frankfurter Hausbesetzerszene. 

Als ich den Entwurf der Auseinandersetzung – dieser Zweifigurengruppe – im Modell im Maßstab 1:10 der versammelten Belegschaft im überfüllten hochsommerlich heißen Saal der Kaserne vorstellte, gab es erregten Protest. Die Polizisten sahen in dem zornigen Dicken den verhassten Bullen und in dem Langhaarigen mit den Turnschuhen den armen unschuldigen Gesetzesbrecher wie Joschka Fischer oder wen auch immer. Meine Erklärung überzeugte jedenfalls nicht. Die Lösung war eine dritte, neutrale Figur als Verkörperung der Polizei. Diese Dreifigurengruppe wurde akzeptiert.

Das Kulturamt Düsseldorf hatte inzwischen eine Fassung der Auseinandersetzung in halber Lebensgröße erworben. An deren Stelle konnte ich dann mit Genehmigung der Oberfinanzdirektion Hannover einen weiteren Guss der ursprünglichen beiden Lebensgroßen in Düsseldorf aufstellen. Denn auf dem Braunschweiger Polizeigelände sind sie ja nicht öffentlich zugänglich.

So könnte der Konflikt geklungen haben

Meine Intention war von Anfang an, die Auseinandersetzung zwischen den Generationen in dieser unruhigen Zeit, mit der auch ich mich als junger Hochschullehrer auseinandergesetzt hatte. So, als könnte der Ältere, wohlbeleibt und zornig, beleidigt dem Jüngeren entgegenwerfen: „Lernt erst einmal und leistet etwas wie wir, Eure Väter, beim Wiederaufbau des zertrümmerten Landes, statt mit großmäuligen Protesten Unruhe zu stiften!“ Und der rebellische Junge könnte erwidern: „Ihr mit Eurer Tüchtigkeit beim Wiederaufbau, das hören wir immer von Euch, aber habt nicht Ihr zu verantworten, dass alles in Trümmer und Scherben fiel? Das verschweigt und verdrängt Ihr!“

So etwa könnte der Dialog geklungen haben, der Konflikt – er war oft genug auch eine Auseinandersetzung für die Bereitschaftspolizisten.

Karl-Henning Seemann ist in der Düsseldorfer Altstadt nicht nur mit der „Auseinandersetzung“ vertreten. Er hat auch die „Schuhanzieherin“ entworfen, die an der Ecke Mühlenstraße/Liefergasse zu finden ist.

Titelbild und letzte Galerie: Düsseldorf Tourismus

Zweite Galerie: Karl-Henning Seemann

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