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Das Labor von Kraftwerk - Düsseldorf Storys

Das Labor von Kraftwerk

The Sound of Düsseldorf

Das Labor von Kraftwerk

Das Kling-Klang-Studio an der Mintropstraße

Das ehemalige Kling-Klang-Studio von Kraftwerk ist heute ein Pilgerort der besonderen Art. Es liegt versteckt in einem Hinterhof mitten im Düsseldorfer Bahnhofsviertel und verströmt noch immer jene hermetische Aura, die zu der Band passt. Gerrit Terstiege hat sich auf eine Reise in die Vergangenheit gemacht.

Unscheinbar in einem Hinterhof gelegen: Pilgerort Kling-Klang-Studio
Foto: Thomas Stelzmann

Einige wenige Musikstudios sind heute wahrhaft mythische Orte. Sie zu besuchen, erfüllt einen unweigerlich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Melancholie. Man begibt sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit. Zum Beispiel das Sun Studio in Memphis ist heute nur deshalb noch intakt, weil ein Friseur es jahrelang als Salon nutzte – und wenig verändert hat. Sogar die perforierten Schallschutzplatten, die man auf berühmten Session-Fotos von Elvis oder Johnny Cash sieht, ließ der Friseur einfach an den Wänden. Es wurde, genau wie das Muscle Shoals Studio in Alabama, längst ins National Register of Historic Places aufgenommen – beide sind also mittlerweile veritable Denkmäler. So wird ihnen das Schicksal des New Yorker Columbia 30th Street Studios erspart bleiben, das irgendwann in den frühen 1980ern einfach abgerissen wurde. Die ehemalige Kirche mit 30 Meter hoher Decke bot einen einzigartigen Resonanzraum, der auf legendären Alben von Glenn Gould, Miles Davis, Dave Brubeck, Bob Dylan oder Pink Floyd noch hörbar ist.

Ein Besuch im Düsseldorfer Bahnhofsviertel

Abbey Road, die Hansa Studios in Berlin, der umgebaute Schweinestall von Conny Plank in Wolperath – jeder dieser Orte hat trotz seiner eigentlich komplett technischen, profanen Funktion für Musikfans eine Aura, die sie mit geradezu romantischen Gefühlen erfüllen. Apropos Romantik – vielleicht passt es ja, dass die Düsseldorfer Mintropstraße 16, Adresse des ehemaligen Kling-Klang-Studios von Kraftwerk, nach Theodor Mintrop, einem romantischen Maler des 19. Jahrhunderts benannt ist. Wenn man sich diesem Ort mit dem Auto nähert, kommen einem aber romantische Emotionen ziemlich schnell abhanden. Das Navi führt einen durch die engen Straßen des Düsseldorfer Bahnhofsviertels, es ist laut und belebt hier, Straßenbahnen werden von Taxen und SUV´s überholt, man muss sich auf den Verkehr konzentrieren und trotzdem fallen einem all diese Namen ein, wenn man hier langfährt – Namen aus der kulturellen Blütezeit Düsseldorfs: Joseph Beuys, Blinky Palermo, Imi Knoebel, Westernhagen im Hühner-Hugo, der abgerockte Ratinger Hof gleich hinter der Kunstakademie, wo sich alle trafen, die abstürzen und aufsteigen wollten.

„Mekka der elektronischen Musik“

Rüdiger Esch, der ehemalige Bassist von Die Krupps, hat 2014 das Buch ELECTRI_CITY über Düsseldorf als „Mekka der elektronischen Musik” herausgebracht, in dem zahlreiche, teils mittlerweile verstorbene Protagonisten jener Jahre wie Gabi Delgado und Klaus Dinger zu Wort kommen. Kleiner Tipp: Wer nicht so vertraut ist mit der Düsseldorfer Kunst- und Musikszene der Siebziger und Achtziger, sollte mit dem Lesen des Buches am besten hinten beginnen: mit den Kurzbiografien der Interviewten. Wolfgang Flür, Kraftwerk-Schlagzeuger von 1973 bis 1986, steuerte für ELICTRI_CITY ein poetisches Vorwort bei. Er schreibt: „Der Rhein, der magische Strom, dessen Ufer um Düsseldorf stark besiedelt und industrialisiert sind, dient als Anziehung und Antrieb zugleich. Eine enorme Schaffenskraft scheint von ihm auszugehen; und wie sich sein Flussbett verbreitert und er in die Nordsee mündet, so verbreiterten sich die Strömungen, die besagten Mythos nährten: Industrial, Synthiepop, EBM, Techno, House, Electronica, Ambient, Drum´n´Bass, Trip-Hop, Jungle, Dubstep. Immer eine Musik, die tanzbar bleibt und konventionelle Songstrukturen über Bord wirft. Basierend auf unserer eigenen Musik, die die Technik und den Computer in den Mittelpunkt rückte, den Musiker zum Künstler und den Technokraten zum Popstar machen konnte.”

Nur echte Fans wussten jahrelang, was sich hinter dem Schild „Elektro Müller“ verbarg.

Endlich. Die Stimme des Navis holt mich in die Gegenwart: „Sie haben Ihr Ziel erreicht, das Ziel liegt links.” Wenige Meter trennen mich von dem unscheinbaren Gebäude, dessen unterer Bereich mit blassen, gelben Kacheln geklinkert wurde, ungefähr zu der Zeit als Ludwig Erhard Kanzler war. Wie ein riesiges dunkles Maul erscheint die Einfahrt in diesem Vorderhaus. Als ich meinen Wagen in dem engen Hinterhof parke, wird es plötzlich seltsam still. Ich bleibe noch einen Moment im Wagen sitzen, um mich zu sammeln. Wieder gehen mir Bilder durch den Kopf: zum Beispiel die Rückseite der Plattenhülle von „Ralf und Florian”, die die beiden Musiker im Kling-Klang-Studio zeigt, inmitten von Maschinen aus der Urzeit elektronischer Musik. Auf dem Boden winden sich Kabel wie Schlangen, grün schimmert die Backsteinwand hinter Florian Schneider, rötlich die Pappkarton-Quadrate hinter Ralf Hütter, eine Tütenlampe wirft ihr gelbes Licht auf sein Keyboard, bläulich schimmern zwei Neonlicht-Apparate ihre Vornamen in den Raum. Andere Fotos zeigen das Studio als Kommandozentrale – und die Musiker als spleenige Laboranten, die an Reglern drehen, statisch wie Schaufensterpuppen. Das Kling-Klang-Studio hat in fast vier Jahrzehnten viele verschiedene Formen angenommen, die vom Ausmaß der jeweiligen technischen Geräte geprägt waren. Denn die wandelten sich mit der Zeit von Ungetümen zu schmalen Laptops. Die alten Apparate soll die Band im Keller gehortet haben – um oberirdisch mit der Entwicklung der Technik Schritt zu halten.

Geräte aus dem Kling-Klang auf ebay

Rüdiger Esch hatte eine Zeit lang den Schlüssel zum Kling-Klang-Studio, nachdem Ralf Hütter da nicht mehr auftauchte und auch Florian Schneider seine Zelte abgebrochen hatte. Esch kennt die Räume in- und auswendig – noch bevor sie von den Nachmietern renoviert wurden: „1970 hatte Florian Schneider diesen recht kleinen Raum angemietet – und er blieb, nachdem er die Band verlassen hatte, noch ein paar Jahre dort, bis 2014, meine ich. Schneider hat da sogar noch Musik gemacht – ob sie aufgenommen wurde, weiß ich aber nicht. Irgendwann hat er auch eine ganze Reihe Geräte aus dem Kling-Klang-Studio auf ebay verkauft. Er hatte Ralf angeschrieben, die Sachen abzuholen, aber bekam wohl nie eine Antwort. Das eigentliche Kling-Klang-Studio war der Raum gleich links, wenn man zur Tür reingeht. Die Glasbausteine, die man von außen sieht, sind immer noch die einzigen Fenster. Später wurden noch weitere Räume im ersten Stock angemietet. Ich hab Florian ein paar Mal zufällig auf der Straße getroffen, weil ich in der Nähe ein Büro hatte. Wir haben uns mal lange in einem Eiscafé unterhalten. Das war lustig, er war ja Rheinländer. Nachdem er das Kling-Klang-Studio verlassen hatte, gab es dort immer noch ein paar deutliche Hinweise auf die Band. Zum Beispiel waren die Steckdosen nummeriert.”

Rüdiger Esch vor dem Kling-Klang
Zurück auf die Autobahn!

2009 ließ Ralf Hütter ein neues Kling-Klang-Studio in Meerbusch bauen. Ein Reporter der Rheinischen Post hat sich mal dorthin gewagt, Leute befragt und versucht, das Studio zu finden. Erfolglos. In gewisser Weise ist die neue Version in Meerbusch noch viel geheimnisvoller als die alte – eben weil sie niemand außer dem aktuellen Umfeld der Band je zu Gesicht bekam. Das alte Kling-Klang unterscheidet sich übrigens grundlegend von den erwähnten, legendären Tonstudios – den umgebauten Kirchen und Schweineställen – durch die simple Tatsache, dass seine Räumlichkeiten ausschließlich den Kraftwerk-Jungs offen standen. Kein Zeit- und Kostendruck hat je eine ihrer musikalischen Entscheidungen beeinflusst, alles blieb unter ihrer Kontrolle und was immer hinter diesen Mauern geschah: verrückte Experimente, Streitigkeiten, ödes Abhängen und plötzliche künstlerische Durchbrüche – nichts drang je an die Außenwelt. Vielleicht war das Studio für Hütter und Schneider über viele Jahre eine Art Schutzraum, wo sie ungestört sein konnten. Wo die Zeit stillstand. Man muss bedenken, wie klein eigentlich dieses Œvre ist, bei all seiner weltweiten Wirkung und gigantischen musikalischen Bedeutung. Elf Studioalben in fünfzig Jahren sind wirklich nicht viel. Aber es geht hier nun mal nicht um Quantität. Und vielleicht ist das Kling-Kling-Studio irgendwann zu einem Traum-Raum geworden, den die Fans mit ihren Projektionen füllen sollen. Bei Kraftwerk ist ohnehin nicht alles wie es scheint. Schauspielerei und das Entwerfen eines starken Images ist bei dieser Band ein den musikalischen Errungenschaften ebenbürtiger künstlerischer Akt. Manche historische Fotos scheinen auch andere mit Technik überfrachtete Räume zu zeigen. Vielleicht ein fiktives Kling-Klang-Studio?

Eigentlich müsste es längst unter Denkmalschutz stehen. Heute sind in den sagenumwobenen Räumen Werbefilmer, Toningenieure und Sound-Designer aktiv. Im ehemaligen Studio A wirkt heute Moritz Staub mit seiner Firma Staub Audio, im alten Studio B ist der Komponist Martin Schütze tätig. Eine Gedenktafel ist bislang nicht angebracht worden. In gewisser Weise fungiert das uralte Schild „Elektro Müller” über dem Eingang als eine solche. Denn es sorgte dafür, dass die Band lange Jahre inkognito blieb und ungestört arbeiten konnte. Auf die Rampe vor der historischen Eingangstür hat jemand einen Verkehrskegel gestellt. Ein deutliches Zeichen – beiläufig und pathetisch zugleich. Ja fast: romantisch.

Autor: Gerrit Terstiege

Der Text stammt aus dem MINT-Magazin 11/2020: https://www.mintmag.de/

Fotos:

Titelbild: Markus Luigs

Foto Außenansicht Straße: Thomas Stelzmann

Weitere Bilder: Düsseldorf Tourismus


The Sound of Düsseldorf

Durch Düsseldorf auf Kraftwerks Spuren – das haben bereits viele hundert Gäste erlebt im Rahmen der Stadtführung „The Sound of Düsseldorf“. Die digitale Ausstellung auf der Plattform Google Arts & Culture erzählt jetzt sechs musikhistorische Geschichten aus der Stadt am Rhein. Düsseldorf war immer ein Treffpunkt der Avantgarde. In den 1970er und 1980er Jahren wuchs hier die Keimzelle der elektronischen Musik heran, die den Pop im 21. Jahrhundert prägt.

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