„Die Altstadt lebt von Toleranz“

Interview zur WDR-Doku über die Düsseldorfer Altstadt

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„Die Altstadt lebt von Toleranz“

Interview zur WDR-Doku über die Düsseldorfer Altstadt

Oliver Schwabe hat für den WDR einen faszinierenden Film über unser ältestes Stadtviertel gedreht. Die Doku „Düsseldorfer Altstadt – Zwischen Party, Punk und Weltruhm“ (verfügbar in der WDR-Mediathek) gibt einen Einblick in den ewigen Mikrokosmos, in dem Künstler, Bierbrauer und Hoteldirektoren auf wenigen Quadratmetern miteinander in Kontakt kommen. Ein Gespräch über das, was die Altstadt so einzigartig macht.

Oliver Schwabe, Kraftwerk haben ihre Weltkarriere im Creamcheese gestartet, Joseph Beuys hat den Kunstbetrieb von der Akademie aus verändert – warum funktioniert die Altstadt immer wieder als kreative Keimzelle?

Ich denke, die Altstadt lebt von Toleranz und typisch rheinischem „Leben und leben lassen“ – und diese Mentalität lässt eben auch Freiräume zu, in denen sich etwas Neues entfalten kann.

Du hast jetzt schon deinen zweiten Film über die Düsseldorfer Altstadt gedreht. Was fasziniert Dich so sehr an diesem Stadtviertel?

Was mich interessiert, ist tatsächlich das Aufeinandertreffen von Tradition, Brauchtum und eben dem, was in Düsseldorf in unmittelbarer Nachbarschaft dazu in Kunst und Musik entstehen konnte. Gerade in Bezug auf die Musik hat das, was im Ratinger Hof passierte, meine musikalische Sozialisierung Ende der 1970er geprägt. Die Nähe zwischen verschiedenen Szenen macht die Altstadt interessant, weil eben viel gleichzeitig und nebeneinander möglich ist!

Du warst im traditionellen Brauhaus Zum Schlüssel, das sich langsam vom Lockdown erholt, und hast mit dem Braumeister gesprochen. Wie ist die Stimmung in den großen Hausbrauereien?

Naja, eher verhalten. Auch weil nicht abzusehen ist, wann wir die Pandemie überwunden haben werden. Im Schlüssel trägt man es mit Fassung und freut sich über die steigenden Verkaufszahlen. Aber ein zweiter Lockdown wäre schrecklich.

Und wie ist die Lage im Luxushotel De Medici? Der Hoteldirektor sagt, er habe im Frühjahr alleine auf 11.000 Quadratmetern gewohnt…

Hoteldirektor Bertold Reul hat die Zeit genutzt, um im Innenhof seines Hotels Konzerte zu veranstalten und seine Zimmer als Logenplätze anzubieten. Eine tolle Idee, und es erwächst aus der Krise mit kreativer Kraft doch auch immer wieder etwas Neues, was vielleicht auch über die Pandemie hinaus Bestand haben wird.

Die Metal-Sängerin Doro Pesch, ein Kind der Bolker Straße, bezeichnet die Altstadt als „Klein-New-York“. Was schätzen Musiker an der Altstadt?

Naja, sicher das viele Bier;-)! Aber natürlich auch die Entspanntheit der Düsseldorfer. Doro Pesch ist ein internationaler Star, und doch kann sie recht unbehelligt durch die Altstadt laufen, obwohl sie von vielen erkannt wird. Und nach Selfies mit ihr wird höflich gefragt. Das ist schon ein bisschen wie in New York. Wenn im East Village bekannte Musiker herumlaufen, dann werden sie auch nicht von Fans bedrängt.

Die Verbindung der Kunstakademie zum Punk hast Du bereits 2016 in der Doku „Keine Atempause – Düsseldorf, der Ratinger Hof und die Neue Musik“ gewürdigt. Was hat die Kunst der Musik gebracht und umgekehrt?

Die Punk-Szene war im Gegensatz zu Berlin oder Hamburg hier immer experimenteller, auch was Klamotten und Stil anging. Und es hatte auch immer eine Verspieltheit, die es im „ernsten“ Berlin (bis auf „Die Ärzte“) oder im handfesten Hamburg weniger gab. In Düsseldorf konnte man sich in der Szene ausprobieren und dabei Spaß haben. Akademiekunst und Musik  haben sich gegenseitig befruchtet,  viele Musiker waren auch Künstler und umgekehrt.

Du hast jetzt zum zweiten Mal mit Martina Weith von Östro 430 gedreht, eine Punk-Band, die ihrer Zeit voraus war. Was hast Du von ihr Neues über die Altstadt erfahren?

Vielleicht nichts Neues über die Altstadt, aber es ist immer wieder erstaunlich, wie selbstverständlich eine reine Frauenband damals Teil der Szene war. Und gerade Östro hat damit sicher viel zur Frauenbewegung beigesteuert. Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Östro 430 haben mir als kleiner 14-Jähriger damals den Kopf verdreht und mein Frauenbild geprägt.

Eine der schönsten Szenen: Komikerin Cordula Stratmann, die in der Altstadt zur Schule gegangen ist, betritt dass Engelchen auf der Kurze Straße und traut ihren Augen nicht, dass alles unverändert ist…

Cordula war vom Engelchen wirklich begeistert, weil sie zuletzt vor Jahrzehnten da war und sie sich direkt wieder zu Hause fühlte! Und es ist doch schön zu sehen, dass es in der Altstadt Läden gibt, die Bestand haben und nicht jeder Mode hinterherhecheln. Das zeugt von Selbstbewusstsein!

Der Stadtarchivar sagt, die Altstadt habe sich über viele Jahrhunderte kaum verändert. Wird sie auch nach Corona die Altstadt bleiben?

Ich denke schon – jeder sehnt ich nach der alten Normalität zurück! Es bleibt nur zu hoffen, dass wir dieses Virus bald gemeinsam überwinden, damit wir wieder ein Leben mit  Feiern, Berührungen und ohne Ansteckungsangst leben können.

Oliver Schwabe ist Professor für Fernsehdramaturgie an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

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